Im vergangenen Abschnitt haben wir etwas über die Größenordnungen von Objekten und über einige Eigenschaften von Atomen und Molekülen gelernt. Wir verstehen jetzt die Struktur von Atomen und von deren Kernen und können uns mit einigen interessanten Prozessen von Atomkernen auseinandersetzen.
Eines der größten Forschungsgebiete der Kernphysik beschäftigt sich mit der Radioaktivität, einem natürlichen Phänomen einiger Atomkerne. Radioaktivität ist überall um uns herum: In der Erde, im Weltall und sogar in uns selber. Es ist enorm wichtig, diese Strahlung zu verstehen, denn wir sind ununterbrochen radioaktiver Strahlung ausgesetzt, und das nicht nur, wenn wir eine Röntgenaufnahme machen lassen.
Im kommenden Abschnitt beschäftigen wir uns mit der Entdeckung der Radioaktivität und gehen auf ihre Entstehung und auf ihre Wirkung auf uns und die Welt um uns ein.
Wir wissen, dass einige Elemente radioaktiv sind und andere nicht. Dies lässt vermuten, dass Radioaktivität auf atomarer Ebene erzeugt wird. Wir müssen uns also näher mit den Atomen, oder genaugenommen sogar mit deren Kernen befassen, um dieses Phänomen zu verstehen.
Es gibt drei Arten von Strahlung, die von radioaktiven Atomen abgegeben werden können: Alpha-, Beta- und Gammastrahlen. Es handelt sich dabei um Teilchen oder Energie, die von Atomkernen abgegeben werden, die nicht stabil sind; man spricht bei diesem Prozess von radioaktivem Zerfall eines instabilen Kernes.
Aber warum also sind einige Atomkerne instabil und andere nicht?
Wirklich genau können wir diese Frage erst später beantworten, aber für den Moment können wir festhalten, dass die Ursache die Zahl der Nukleonen im Atomkern oder genauer das Verhältnis zwischen Neutronen und Protonen in einem Atomkern ist. Die verschiedenen Formen der radioaktiven Strahlen werden bei unterschiedlichen Formen der Instabilität abgegeben, weshalb unterschiedliche Quellen auch unterschiedliche Strahlung erzeugen.
Instabilität beschränkt sich genaugenommen nicht auf einige wenige Atomkerne. Sogar das Proton und das Neutron selber zerfallen irgendwann, jedoch dauert das ungefähr 1034 Jahre! Vergleicht man das mit unserer Lebensdauer auf der Erde, kann man Protonen also als stabil ansehen.
Jetzt wissen wir also grob, was radioaktive Strahlung ist und wollen untersuchen, wo wir sie antreffen.
Radioaktivität tritt nicht nur bei den giftigen Elementen Uran, Polonium und Radium auf. Dies sind zwar starke Quellen, jedoch findet man Radioaktivität auch an vielen anderen Orten. Die radioaktive Strahlung, die Becquerel beim Uran nachgewiesen hat, kommt auch im Gestein, aus dem Weltall, in der Luft, die wir atmen, im Wasser, das wir trinken, und sogar in unseren eigenen Körpern vor.
Es mag überraschend sein, dass wir alle selbst Quellen radioaktiver Strahlung sind. Auch ist dies nicht das Resultat unserer modernen technisierten Welt mit Kernkraftwerken, Computern und Röntgenaufnahmen. Vielmehr sind alle Pflanzen und alle Tiere radioaktiv, seitdem es Leben auf der Erde gibt. Schauen wir doch mal genauer, wo wir Radioaktivität finden können.
Radioaktive Elemente findet man überall in der Erde. Gestein, ganz besonders Granit, enthält Uranverbindungen. Uran ist ungefähr so häufig in der Erde anzutreffen wie einige Metalle, zum Beispiel Zink, Zinn oder Wolfram. Andere radioaktive Verbindungen sind sogar noch sehr viel häufiger, wie z.B. von Thorium, von dem es auf der Welt noch dreimal mehr gibt als vom Uran. Im 19. Jahrhundert, kurz bevor sich elektrische Beleuchtung durchsetzte, wurde Thoriumoxid eingesetzt, um Gaslampen heller leuchten zu lassen, und im 21. Jahrhundert könnte Thorium sich als Treibstoff in Kernkraftwerken durchsetzen.
Im gigantischen Universum gibt es viele Quellen von Strahlung. Da wären zum Beispiel Radiogalaxien mit superluminalen (schneller als Lichtgeschwindigkeit) Jets, Schwarze Löcher oder sogar Planeten in unserem eigenen Sonnensystem. Astronomen benutzen besondere Teleskope, um diese unterschiedlichen Arten der Strahlung, darunter Röntgen- und Gammastrahlung, zu beobachten. Diese Quellen strahlen in alle Richtungen und selbst die Strahlung von Objekten, die viele hundert oder sogar tausend Lichtjahre von uns entfernt sind, erreicht uns irgendwann. Was wir davon letztendlich als Strahlung nachweisen können, ist Teil der sogenannten kosmischen Strahlung. Je höher man sich befindet, desto mehr kosmische Strahlung kann man nachweisen. Auf dem Gipfel eines hohen Berges wird man also mehr Strahlung messen können als am Meeresspiegel, weil sie weniger Atmosphäre durchdringen muss.
Es ist schwer, dieser kosmischen Strahlung zu entkommen und sie ist äußerst lästig für Wissenschaftler. Manchmal ist es notwendig extrem schwache radioaktive Signale zu vermessen. Das könnte zum Beispiel bei der Untersuchung von sehr weit entfernten und sehr schwachen Quellen von Gammastrahlung der Fall sein, die nur einen winzigen Teil ihrer Strahlung in unsere Richtung abstrahlen. Auch wenn wir die Expansion und die Entstehung des Universums und die damit verbundene Mikrowellenstrahlung untersuchen, müssen wir mit sehr schwachen Signalen arbeiten.
Das Bild zeigt diesen Detektor, der sich in Italien ganze 11km unterhalb eines Berggipfels befindet.
Wenn Flüsse über Gestein und Erde fließen, lösen sie die unterschiedlichsten Salze und tragen sie mit sich in die Meere der Welt. Mit der Zeit verdampft ein Teil des Wassers in der Sonne, wodurch die Salzkonzentration steigt. Wir wissen bereits, dass das meiste Gestein Uran enthält, und es ist daher nicht überraschend, dass auch die Meere und Ozeane gelöstes Uransalz enthalten. Das macht das Meerwasser radioaktiv, und das nicht nur wegen des Urans, sondern neben vielen anderen Substanzen durch 40K (sprich: Kalium-40).
Diese Form des Kaliums ist der Hauptbestandteil, der unsere Körper radioaktiv macht.
Im Mittel findet man etwa 3 Milligramm Uran in 1000 Litern (oder einem Kubikmeter) Meerwasser. Das ist vielleicht nicht viel, aber man sagt, wenn die Kosten der Urangewinnung aus dem Meerwasser sich auf nur ein Zehntel reduzieren ließen oder der Uranpreis irgendwann steigt, dann könnte man Uran profitabel aus dem Meerwasser abbauen. Wenn die aktuellen Uranvorkommen aufgebraucht sind, könnten unsere Kernkraftwerke vielleicht wirklich mit Uran betrieben werden, das dem Meerwasser entzogen wurde.
Die Luft, die wir atmen, enthält eine kleine Menge einer radioaktiven Form des Kohlenstoffs, bekannt als 14C (sprich: Kohlenstoff-14). Kohlenstoff-14 ist das Ergebnis einer Reaktion mit kosmischer Strahlung in der Atmosphäre. Beim Durchgang durch die unterschiedlichen Schichten der Atmosphäre werden kosmische Strahlen mehrfach transformiert, wobei auch thermische (langsame) Neutronen entstehen können. Diese Neutronen können dann mit Stickstoff-14-Atomen eine Kernreaktion eingehen, bei der Kohlenstoff-14 und ein Proton entstehen. Diese Kohlenstoffatome werden dann zu Kohlenstoffdioxidmolekülen umgewandelt, die von Pflanzen während der Photosynthese aufgenommen und zur Bildung von Zucker und Zellulose eingesetzt werden. Das aufgenommene 14C wird dann an uns weiter gegeben, wenn wir diese Pflanzen essen oder sogar wenn wir das Fleisch von Tieren essen, die selber zuvor Pflanzen gefressen haben. Die Tatsache, dass alle lebenden Dinge 14C aufnehmen bis sie sterben, kann dazu genutzt werden, das Alter der Überbleibsel dieser Lebewesen zu bestimmen, selbst wenn diese sich schon Jahrhunderte oder Jahrtausende in der Erde befanden. Um das zu verstehen, müssen wir uns in einem späteren Kapitel mit der Halbwertszeit von radioaktiven Atomen beschäftigen.
Große Mengen Radioaktivität können tödlich sein und Tausende sind nach den Atombombenabwürfen 1945 in Japan durch Strahlung gestorben. Später, im Jahr 1986, sind 31 Menschen durch radioaktive Strahlung getötet worden, als ein Kernkraftwerk in Tschernobyl explodierte. Du kannst mehr über diese Ereignisse in den Abschnitten „Nutzen und Risiken“ und „Geschichte“ nachlesen.
Die Menge von Strahlung, von der man weiß, dass sie die Gesundheit beeinflusst, ist bei Weitem größer als der natürliche Hintergrund durch kosmische Strahlung, Gestein etc. Jede der wenigen Zellen, die von diesen radioaktiven Quellen beschädigt werden, kann sich selber reparieren. Große Mengen Strahlung können aber zu nicht-reparabler Beschädigung von sehr vielen Zellen gleichzeitig führen, weshalb dies gefährlich werden kann.
Wir wissen, dass Pflanzen und Tiere über die Milliarden Jahre hin mit Radioaktivität gelebt und sich angepasst haben. Ob die Strahlung schädlich ist oder nicht, hängt also davon ab, welcher Menge und in welcher Art wir ihr ausgesetzt sind. Sogar der Verzehr von zu viel Speisesalz kann tödlich sein, weshalb Menschen verdursten, die über den Ozean treiben. Ganz wie man sagt: Zu viel von einer Sache allein ist immer schlecht.
Wie viel Strahlung ist nun also „zu viel“? Erstmals müssen wir die verschiedenen Formen der Strahlung kennenlernen und sehen, wie schädlich jede einzelne ist. Ab welcher genauen Menge die Strahlungen gefährlich sind, werden wir dann im Abschnitt „Aktivität und Wechselwirkung mit Materie“ herleiten.
Wir wissen bereits, dass Atome einen Kern haben, der aus Protonen und Neutronen besteht und der von Elektronen umkreist wird. Wir wissen auch, dass Atome elektrisch neutral sind und Ionen, die ein Elektron dazu gewonnen oder eines verloren haben, elektrisch geladen sind. Die Schlüssel zum Verständnis von Radioaktivität sind die Isotope.
Weiter oben haben wir darüber gesprochen, dass Kohlenstoff-14 radioaktiv ist, während der „normale“ Kohlenstoff-12 stabil ist. Was unterscheidet also Kohlenstoff-14 von Kohlenstoff-12? Es ist der Atomkern, der diesen Unterschied ausmacht. Damit es sich in beiden Fällen um das Element Kohlenstoff handelt, müssen beide die gleiche Anzahl von Protonen, also die gleiche Kernladungszahl haben. Diese Kernladungszahl macht ein chemisches Element zu dem was es ist. Verändern wir nun die Anzahl der Elektronen, werden wir nicht das chemische Element ändern, sondern machen das Atom lediglich zu einem Ion. Es muss also die Anzahl der Neutronen sein, die den Unterschied ausmacht. Wir sagen dann, dass Kohlenstoff-14 und Kohlenstoff-12 zwei Isotope des gleichen Elementes Kohlenstoff sind, die sich nur darin unterscheiden, dass sich im Atomkern von Kohlenstoff-14 zwei Neutronen mehr befinden und er dadurch etwas schwerer ist als Kohlenstoff-12.
Es gibt viele Isotope jedes Elements. Ein berühmtes Beispiel ist Deuterium, ein Isotop des Wasserstoffs mit einem Proton und einem Neutron. Dieses Deuterium kann benutzt werden, um schweres Wasser herzustellen, das zum Beispiel dazu eingesetzt werden kann, Neutrinos nachzuweisen, oder Kernkraftwerke zu moderieren.
Instabile Isotope sind oft sehr nützlich bei medizinischen Anwendungen. Ihr Einsatz ist sicher wegen ihrer kurzen Lebensdauer. Das Problem mit diesen Substanzen ist, dass sie nicht natürlich vorkommen. Sie werden meist im Krankenhaus selbst in sogenannten Zyklotronen produziert, in denen Atome mithilfe von Magneten auf Kreisbahnen bis auf sehr hohe Geschwindigkeiten beschleunigt werden. Zyklotrone gibt es in vielen verschiedenen Größen, abhängig von dem Isotop, das mit ihnen erzeugt werden soll. In diesen Maschinen werden Atomkerne auf geladene Teilchen geschossen, so dass das gewollte Radioisotop entsteht. Radioisotope nennt man Isotope, die instabil und daher radioaktiv sind.
Die stabilsten Versionen der Elemente sind die, die in der Natur am meisten gefunden werden können und die im Periodensystem der Elemente aufgelistet sind. Diese Isotope sind nur deshalb so weit verbreitet, weil sie eben stabil sind und ihre instabilen Brüder- und Schwesterisotope mit der Zeit zerfallen sind und andere stabilere Elemente zurückgelassen haben. Warum ist also ein Isotop stabiler als ein anderes?
Im Abschnitt über Atomkerne haben wir kurz angesprochen, dass die Nukleonen von der sogenannten Starken Kernkraft zusammengehalten werden, die die Abstoßung der Protonen untereinander überwiegt. Dieses Detail ist der Schlüssel zum Verständnis der Stabilität von Atomkernen. Neutronen und Protonen unterliegen beide der Starken Kernkraft, aber nur die Protonen tragen zur Abstoßung bei. Die Neutronen sorgen daher für den Zusammenhalt im Atomkern, ohne selber zur elektrostatischen Abstoßung beizutragen. Darauf aufbauend mag man denken, dass ein Atomkern immer stabiler wird, je mehr Neutronen er hat. Dies ist jedoch nicht der Fall. Atomkerne sind nur stabil, wenn das Verhältnis zwischen der Zahl der Neutronen und der Zahl der Protonen im Bereich zwischen 1 und 1,6 liegt. Außerhalb dieses Bereiches wird ein Atomkern instabil sein und zerfallen. Stickstoff zum Beispiel ist stabil mit einem Verhältnis von 1: Es hat 7 Neutronen und 7 Protonen. Auf der entgegengesetzten Seite dieses Bereiches befindet sich Blei mit einem Verhältnis von 1,54, das ebenfalls stabil ist, aber 126 Neutronen und 82 Protonen hat. Die Abbildung zeigt diesen stabilen Bereich als Funktion der Protonen- und Neutronenanzahl und die drei Zerfallsmechanismen, die offenbar davon abhängen, wo das entsprechende Isotop liegt.
Es gibt ein oberes Limit, ab dem die Starke Kernkraft nicht mehr in der Lage ist, die äußersten Nukleonen festzuhalten. Der schwerste Atomkern, der in der Natur vorkommt ist der des Urans mit 238 Nukleonen. Und wir wissen bereits, dass selbst dieser nicht stabil ist, sondern in einem Zerfallsprozess radioaktive Strahlung abgibt.
Der Alphazerfall gibt einem Atomkern die Chance, Masse zu verlieren und an Stabilität zu gewinnen, indem er ein Alphateilchen (oder Heliumkern) abgibt. Der ursprüngliche Atomkern gibt dabei vier Nukleonen, zwei Protonen und zwei Neutronen, ab und durchläuft eine Transmutation wegen des Verlustes an Protonen. Es handelt sich dabei um diejenigen Alphateilchen, die in Rutherfords Streuversuch benutzt wurden.
Der Alphazerfall dient also dazu, Masse zu reduzieren. Man würde ihn somit im Grunde für alle Atome erwarten, für die die Bindungsenergie pro Nukleon nicht am Minimum ist, also für alle Elemente schwerer als Nickel. Stattdessen wurde der Alphazerfall aber nur für die allerschwersten Kerne beobachtet, angefangen mit dem Element Tellur. Der Alphazerfall ist ein Beispiel des sogenannten Tunneleffekts. Der Atomkern bildet eine Barriere aus potenzieller Energie, wie in der Abbildung dargestellt. Diese Barriere schließt die Alphateilchen ein, die bereits innerhalb des Atomkerns existieren.
Einer der ersten Versuche, die unterschiedlichen radioaktiven Strahlungen einzuordnen, hat sich danach gerichtet, wie viel Material sie durchdringen können. Alphateilchen sind schwer und haben eine verhältnismäßig geringe Geschwindigkeit. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass sie mit jedem Teilchen wechselwirken, das ihnen begegnet. Alphastrahlung kann daher nur einige wenige Zentimeter Luft oder ein dünnes Blatt Papier oder Aluminium durchdringen.
Es gibt viele Alphaemitter (Kerne, die dem Alphazerfall unterliegen), wobei Uran wohl eines der bekanntesten ist. Wie von der Formel unten beschrieben, zerfällt Uran unter Aussendung eines Alphateilchens (α) und transmutiert dabei zu Thorium:
238U → 234Th + α
Dies ist nur der allererste Schritt des Uranzerfalls, der erst nach vielen weiteren Schritten zu einem stabilen Isotop führen wird, mehr dazu jedoch später. Der erste Schritt dieser Kette von Kernreaktionen ist in der Gleichung dargestellt.